Wenn Vereinnahmung schon im Mutterleib beginnt

23. September 2026

Wenn Bindung beginnt, bevor Abgrenzung überhaupt möglich ist.

Aus einem "Wir" wird ein "Ich"

Alexandra Brand, Familien Coaching, Familienaufstellungen, CranioSacral, Meditation, OSHO

Die erste Prägung: Die Schwangerschaft gehört innerlich der Mutter

Stell dir eine Frau mit ausgeprägten narzisstischen Zügen vor. Nicht zwingend die plakativ grandiose Frau, sondern möglicherweise eine Frau mit vulnerablem weiblichem Narzissmus.

Sie ist schwanger.

Aber psychologisch kann etwas sehr Besonderes geschehen: Das Kind wird nicht vollständig als ein eigenes Gegenüber erlebt.


Es kann vielmehr Teil des eigenen Selbstbildes werden.

Meine Schwangerschaft.

Mein Bauch.

Mein besonderes Erlebnis.

Mein Mädchen.

Meine Tochter.

Wie werde ich als Schwangere wahrgenommen?

Was sagt dieses Kind über mich aus?

Welche Bedeutung bekommt dieses Kind für mein Leben?


Die Schwangerschaft kann also durchaus intensiv erlebt werden. Die Mutter kann ihren Bauch lieben, über das Kind sprechen, sich freuen, Schwangerschaftsbilder machen, voller Erwartungen sein — und trotzdem kann etwas Entscheidendes fehlen:


die neugierige Hinwendung zum Wesen des Kindes.

Nicht:

Was wird dieses Kind für mich bedeuten?

sondern:

Wer bist du eigentlich?


Genau hier liegt ein wichtiger Unterschied.

Bei narzisstischer Organisation besteht die Gefahr, dass das Kind weniger als eigenständiges Subjekt und stärker als Erweiterung des eigenen Selbst erlebt wird. Forschung zu parentalem Narzissmus beschreibt später tatsächlich Mechanismen wie Überbewertung, Projektion, Sündenbockdynamiken, emotionale Unverfügbarkeit und Schwierigkeiten mit autonomer Entwicklung. Besonders vulnerable narzisstische Züge sind mit Bindungsunsicherheit und maladaptiven Beziehungsmustern verbunden. 


Das heißt aber nicht, dass jede narzisstisch strukturierte Mutter ihr Kind nicht liebt.

Das Tragische kann gerade sein:

Sie liebt möglicherweise intensiv – aber ihre Liebe wird immer wieder von ihrem eigenen Bedürfnis überlagert.

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Und nun gehen wir auf die Seite des ungeborenen Mädchens

Das Mädchen kennt all diese Begriffe nicht.

Es denkt nicht:

Meine Mutter instrumentalisiert mich.

Es denkt nicht:

Sie ist narzisstisch.


Aber wenn wir seine mögliche körperlich-emotionale Realität in Worte übersetzen, könnte die Grundinformation viel elementarer sein:

Da ist Verbindung — und gleichzeitig stimmt etwas in dieser Verbindung nicht.

Denn biologisch besteht maximale Abhängigkeit.

Das Kind kann nicht weg.

Es kann seine Umwelt nicht wechseln.

Es kann keinen Abstand herstellen.

Mutter und Kind sind physiologisch aufs Engste gekoppelt, wobei die Plazenta keineswegs nur ein „Rohr“ ist, sondern ein hochaktives Regulationsorgan zwischen mütterlicher und fetaler Physiologie. Unter anderem reguliert sie die Exposition des Fötus gegenüber mütterlichen Stresshormonen. 


Und jetzt kommt der interessante Widerspruch:

körperlich maximale Verbindung — psychisch möglicherweise geringe Resonanz.

Die Nabelschnur sagt:

Wir sind verbunden.

Die emotionale Atmosphäre könnte gleichzeitig sagen:

Aber ich werde nicht wirklich als Ich empfangen.

Und wenn wir das in eine vorsprachliche Grundempfindung übersetzen, könnte genau dort etwas entstehen, das sich wie Entsetzen anfühlt.

„Ich bin vollständig von dir abhängig — und trotzdem finde ich dich nicht.“

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Was wäre das Entsetzliche daran?

Nicht primär Ablehnung.

Ablehnung wäre fast eindeutiger.

Das Entsetzliche könnte vielmehr die Paradoxie sein.

Mama ist da.

Und Mama ist nicht da.

Ich bin verbunden.

Und erreiche sie nicht.

Ich werde getragen.

Und bin emotional möglicherweise nicht gemeint.

Ich bin erwünscht.

Aber möglicherweise als Vorstellung.

Ich werde geliebt.

Aber vielleicht nicht zuverlässig dort, wo ich von ihrer Vorstellung abweiche.


Das kann später zu einer ganz charakteristischen inneren Frage werden:

„Bin ich geliebt – oder wird das Bild von mir geliebt?“

Und genau das kann für eine Tochter besonders tiefgreifend werden.

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Warum gerade die Tochter?

Eine Tochter kann für eine narzisstisch strukturierte Mutter in besonderer Weise zum Spiegel werden.

Denn sie ist zugleich:

weiblich,

Tochter,

zukünftige Frau,

mögliche Fortsetzung der Mutter,

mögliche Konkurrentin,

mögliche Bewunderin,

mögliche Vertraute,

mögliche Erfüllung unerfüllter eigener Wünsche.

Das alles geschieht natürlich nicht zwangsläufig bereits bewusst während der Schwangerschaft.

Aber psychodynamisch kann schon die Vorstellung der Tochter besetzt sein:

Sie wird einmal wie ich.

Sie soll es besser haben als ich.

Sie soll besonders sein.

Sie soll mich lieben.

Sie soll mich verstehen.

Sie soll mir geben, was ich selbst nie bekommen habe.

Und damit könnte das Kind bereits in eine Rolle hineinfantasiert werden, bevor es überhaupt geboren ist.


Das ist ein wichtiger Punkt:

Der Missbrauch beginnt dann nicht notwendigerweise mit einer Handlung.

Er kann mit einer Zuschreibung beginnen.

Das Kind erhält unbewusst eine Funktion.

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Der emotionale Missbrauch bestünde dann in einer Rollenverschiebung


Nicht:

Die Mutter ist für das Kind da.

Sondern unterschwellig:

Das Kind soll etwas für die Mutter herstellen.

Nähe.

Bedeutung.

Selbstwert.

Zugehörigkeit.

Bestätigung.

Bewunderung.

Ein Gefühl von Besonderheit.

Vielleicht sogar Heilung einer alten Einsamkeit.


Das Mädchen wird damit nicht vollständig als Empfängerin mütterlicher Fürsorge erlebt, sondern potentiell auch als Quelle emotionaler Versorgung.


Später kann daraus Parentifizierung entstehen.

Aber die psychische Vorstufe wäre:

„Du bist für mich da.“

statt:

„Ich bin zunächst für dich da.“

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Was könnte beim Kind ankommen?

Wenn wir sämtliche Schichten herunterbrechen, könnten es weniger konkrete Botschaften als Beziehungsregeln sein.

Vielleicht:

Ich darf existieren, wenn ich Verbindung herstelle.

Ich muss Mama spüren.

Ich muss wissen, wie es ihr geht.

Ich muss mich auf sie einstellen.

Ihre Stimmung ist wichtiger als meine.

Nähe bekomme ich über Anpassung.

Wenn ich ganz ich selbst bin, könnte Verbindung verloren gehen.

Wenn ich mich von Mama entferne, gefährde ich Zugehörigkeit.

Ich muss etwas Besonderes sein.

Ich darf Mama nicht enttäuschen.

Und vielleicht noch tiefer:

Ich muss sie erreichen.


Hier könnte das Entsetzen festhängen.

Denn das Kind versucht möglicherweise später immer wieder etwas, das ursprünglich unmöglich war:

eine emotional nicht ausreichend verfügbare Person endlich erreichbar zu machen.

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Und daraus könnte später ein bemerkenswertes Beziehungsmuster entstehen

Die erwachsene Frau kann Menschen extrem gut wahrnehmen.

Sie spürt Stimmungen.

Sie spürt Bedürfnisse.

Sie erkennt kleinste Veränderungen.

Sie kann hochgradig empathisch und feinfühlig erscheinen.

Aber darunter liegt möglicherweise nicht nur Begabung.

Darunter kann auch eine alte Überlebensbewegung liegen:

„Ich muss dich lesen können, damit unsere Verbindung sicher bleibt.“

Das ist Hypervigilanz im Beziehungssystem.

Dann wird aus Sensibilität:

Scannen.

Aus Empathie:

Verantwortlichkeit.

Aus Liebe:

Anpassung.

Aus Verbindung:

Verschmelzung.

Aus einem Nein:

Gefahr.

Aus Abgrenzung:

Schuld.

Und aus der Bedürftigkeit des Gegenübers:

ein beinahe unwiderstehlicher Auftrag.

Gerade wenn später ein Partner sagt:

Ich brauche dich.

kann etwas sehr Altes aktiviert werden.

Nicht nur:

Mein Partner braucht Nähe.

Sondern körperlich:

„Ich muss jetzt wieder jemanden nähren.“

Und gleichzeitig kann eine massive Gegenbewegung auftreten:

„Nein. Nicht wieder. Ich gebe dir nichts.“

Dann sind Bedürftigkeit und Verweigerung zwei Seiten derselben frühen Dynamik.

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Entsetzen ist stärker als Traurigkeit.

Traurigkeit sagt:

Etwas fehlt mir.

Angst sagt:

Etwas könnte mir geschehen.

Entsetzen sagt eher:

Das, worauf meine gesamte Existenz angewiesen ist, ist plötzlich nicht so, wie es sein müsste.

Beim ungeborenen Kind wäre das natürlich keine sprachlich bewusste Erkenntnis. Aber als Bild könnte das Entsetzen für die Unvereinbarkeit stehen:

Meine Quelle des Lebens ist gleichzeitig kein vollständig sicherer emotionaler Ort.

Und das lässt sich noch tiefer formulieren:

„Ich brauche genau diejenige, bei der ich mich nicht vollständig verlieren darf.“

Das ist eine enorme Bindungsparadoxie.

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Und hier ist ein weiterer wichtiger Punkt: Das Kind kann nicht die Mutter als Problem definieren

Ein kleines Kind — erst recht ein ungeborenes — kann nicht sagen:

„Mama hat eine eingeschränkte Fähigkeit zur Resonanz.“

Darum wird eine Beziehungsstörung später häufig eher im eigenen Selbst organisiert:

Mit mir stimmt etwas nicht.

Das ist psychologisch eine wichtige kindliche Lösung.

Denn:

Wenn Mama das Problem ist, bin ich vollkommen ausgeliefert.

Wenn hingegen:

Ich muss anders werden,

entsteht zumindest ein Gefühl von Kontrolle.

Dann lauten die unbewussten Lösungen:

Ich werde lieber.

Ich werde ruhiger.

Ich werde außergewöhnlich.

Ich werde stark.

Ich brauche nichts.

Ich spüre Mama.

Ich helfe Mama.

Ich mache sie stolz.

Ich widerspreche nicht.

Oder auf der anderen Seite:

Ich verweigere.

Ich werde unsichtbar.

Ich ziehe mich zurück.

Ich lasse niemanden wirklich an mich heran.

Beides kann aus derselben ursprünglichen Bindungsnot entstehen.

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Narzissmus wird durch die Nabelschnur in die DNA des Kindes übertragen.

Dafür gibt es keine wissenschaftliche Grundlage.

Was es gibt, ist etwas differenzierter:

Das Kind bringt zunächst seine eigene genetische Ausstattung mit. Zusätzlich können pränatale Umweltbedingungen mit epigenetischen Veränderungen zusammenhängen — also Veränderungen der Regulation von Genaktivität, nicht einer Umschreibung der DNA-Sequenz selbst. Pränataler Stress wurde beispielsweise mit DNA-Methylierungsmustern in Plazenta und Nabelschnurblut sowie mit Veränderungen der Stressregulation in Verbindung gebracht. Die Forschung betont zugleich, dass viele Befunde heterogen sind und individuelle Konsequenzen daraus nicht zuverlässig vorhergesagt werden können. 

Das Kind wächst nicht nur in einem Körper, sondern in einem biologischen Beziehungsmilieu auf.

Denn es beinhaltet:

Hormone.

Stressregulation.

Plazentafunktion.

Körperrhythmen.

Erregungszustände.

Später Stimme, Berührung und Interaktion.

Und nach der Geburt kommt die eigentliche Bindungsgeschichte hinzu.

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Das Mädchen erlebt möglicherweise nicht „zu wenig Liebe“, sondern eine Verwechslung dessen, wem die Beziehung dienen soll.

Eigentlich müsste die Bewegung sein:

Mutter → Kind.

Ich sehe dich.

Ich halte dich.

Ich reguliere dich.

Ich lerne dich kennen.

Ich lasse dich werden, wer du bist.

Im narzisstisch geprägten Beziehungsfeld kann sich die Richtung immer wieder umkehren:

Kind → Mutter.

Sieh mich.

Bestätige mich.

Enttäusche mich nicht.

Sei so, wie ich dich brauche.

Bleib mir nah.

Mach mich wichtig.

Und genau darin liegt unbewusster emotionaler Missbrauch.

Nicht zwingend Bosheit.

Nicht zwingend Absicht.

Sondern die Benutzung der kindlichen Beziehung zur Stabilisierung des mütterlichen Selbst.

Die aktuelle Forschung zu parentalem Narzissmus beschreibt tatsächlich ähnliche spätere Beziehungsmuster — insbesondere emotionale Unverfügbarkeit, Überbewertung des Kindes, Scapegoating, unsichere Bindung und Schwierigkeiten mit der kindlichen Autonomie.. 

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Die „positive Umkehr“ zu Entsetzen ist nicht zuerst Freude.

Und vielleicht noch nicht einmal Sicherheit.

Sie ist zunächst:

Ent-Täuschung und Orientierung.

Das kleine beziehungsweise heutige innere Selbst darf erkennen:

Ich habe richtig wahrgenommen, dass etwas in dieser Verbindung gefehlt hat.

Und unmittelbar danach:

Aber das Fehlende war nicht ich.

Das ist zentral.

Dann folgt:

Ich bin nicht verantwortlich für Mamas Fähigkeit zu lieben.

Dann:

Ich muss keine Verbindung herstellen, die der andere nicht herstellen kann.

Dann:

Ich darf meine Wahrnehmung behalten, auch wenn Mama eine andere Wirklichkeit behauptet.

Dann:

Ich darf ein eigenes Ich sein.

Dann erst kommt Sicherheit:

Ich verliere mich nicht, wenn ich verbunden bin.

Und daraus:

Ich darf Nähe wählen.

Und erst dann entsteht die Lebensbewegung:

Mein Leben muss nicht länger um Mama kreisen.

Ich darf die Welt entdecken.

Ich darf Menschen begegnen, die mich wirklich meinen.

Ich darf empfangen.

Ich muss niemanden emotional versorgen, um geliebt zu werden.


Und daraus entsteht meines Erachtens die tiefste Form von Lust aufs Leben:

„Ich bin nicht auf die Welt gekommen, um die Leerstelle meiner Mutter zu füllen.

Ich bin auf die Welt gekommen, um ich zu werden.“


Portarlexa-Arbeit

Eingeschlossene Emotion: Entsetzen

Ursprung: Verbindung ohne ausreichende Resonanz

Grundkonflikt: „Ich brauche dich – aber ich erreiche dich nicht.“

Überlebensbewegung: „Dann muss ich mich auf dich einstellen.“

Verstrickung: „Ich bin für dein emotionales Wohl verantwortlich.“

Grundüberzeugung: „Verbindung muss ich herstellen und verdienen.“

Tiefere Herzensbewegung: „Ich darf empfangen, ohne mich aufzugeben.“

Positive Umkehr: Orientierung → Selbstverbundenheit → Sicherheit

Wandlungstor: „Mama ist verantwortlich für ihre Innenwelt. Ich bin verantwortlich für mein Leben.“

Seelenbewegung: „Ich darf vollständig ich sein und trotzdem verbunden bleiben.“

Lebensbewegung: „Ich bin ich. Ich erfahre mein Leben.“

„Mama konnte mich möglicherweise nur durch ihre eigene innere Struktur hindurch wahrnehmen. Heute darf ich mich davon lösen und mich selbst und sie mit Mitgefühl und abgegrenzt unmittelbar wahrnehmen.“



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